Hallo, auch die Schnauze voll von den Nerven zersägenden Welthits, die uns die ganzen One-Shot-Hype-Bands aus Skandinavien, Übersee oder dem Vereinigten Königreich ins Ohr pflanzen wollen? Auch keine Lust mehr auf die nächste norwegische Top-40-Band, die uns hierzulande als das „Next Big Thing“ angepriesen wird? Nur um das klarzustellen: gegen gute Musik haben wir nichts. Aber die akustische Globalisierung führt immer wieder dazu, stets nur den Weitblick zu schärfen und auf die Charts der Nachbarländer zu schielen – die Perlen vor der eigenen Haustür bleiben immer noch viel zu oft unbeachtet. Dabei liegt das Gute oft so nah, das man drüber stolpern könnte. Das neue musikalische Selbstverständnis hierzulande mit einer Dichte an qualitativ großartigen Bands, die für Feuer in den Ohren sorgen, kommt schließlich nicht von ungefähr. Auch MARIANNENPLATZ gehören seit ihrem furiosen Einstand im letzten Jahr eindeutig dazu. Das Debüt „Keine Zeichen“ sorgte schließlich nicht nur in der Heimatstadt Berlin für Respekt und Aufmerksamkeit, Titel wie „Nicht Wichtig“ oder „Weisses Boot“ sind bis heute Renner im Rundfunk. Vorreitern wie dem Berliner Sender „Fritz“ sei dank – die hievten MARIANNENPLATZ gleich auf die tägliche A-Rotation. Ein gutes Omen: So hatte auch die Karriere einer jungen Band namens Wir Sind Helden angefangen. Und wo die heute stehen, weiß ja jeder.

Auf den frisch geernteten Hauptstadt-Lorbeeren mag sich Pete Schulz, Sänger, Songwriter und Gesicht von MARIANNENPLATZ, jedoch nicht ausruhen. Ein Jahr nach Veröffentlichung des Debüts ist schon das zweite Album im Kasten. Darauf: ein Dutzend Songs zum tanzen, zum träumen, zum nachdenken, zum miterleben, zum feiern, zum heulen, zum sich-selbst-zu-erkennen. Der Band-Mastermind setzt den eingeschlagen Weg im Hurra-Stil fort: Deutschpop as it’s best, Texte auf den Punkt, voll geistreicher und treffender Alltagslyrik, die vielen aus dem Munde spricht. Herz und Hirn gehen oft getrennte Wege, Pete aber versteht es, beides Hand in Hand mit auf seine Reise zu nehmen. Dabei hat er nicht nur dem Volk aufs Maul geschaut, sondern im eigenen Leben gewildert. „Ich gehe mit offenen Augen durchs Leben“, sagt Pete. „Viele Dinge, die mir passieren, verarbeite ich in meinen Texten. Mal wird ein Song daraus, mal nicht. Mir geht´s danach aber jedesmal besser, das ist, als würde ich Ballast abwerfen.“ Was einen selbst bewegt, bewegt sicherlich Millionen andere auch. Mit „Besser als“ hat MARIANNENPLATZ das Zeug, zum Sprachrohr einer Generation zu werden, die noch auf der Suche ist – nach dem Morgen, dem Hier und Jetzt, vor allem aber nach sich selbst. Und die es nicht so eilig mit dem Finden hat.

Ehrlichkeit anderen gegenüber, vor allem aber zu sich selbst – das ist bei Pete keine Floskel, sondern notwendig gewordenes Instrumentarium, auch als Ventil für die vielen Alltagshürden. Jedem einzelnen Titel auf dem neuen Album hört man das an, in den Songs kann sich der Hörer mühelos widerspiegeln. Weil sie die Seele ansprechen, trösten, Halt geben. Weil sie sagen, wie es ist, das Leben. „Grenzgänger“ oder „Parallele Welten“ sind solche Lieder, oder auch „Endstation Freundschaft“: „Wir haben das so gewollt / Denn ein Rückwärts gibt es nicht / Wer braucht schon einen Plan / Wenn alles auseinander bricht / Das war die letzte Hoffnung / Nach uns Kapitulation / Wir sind die zwei Prozent / Alles raus hier / Endstation“. Das versteht man, da fühlt man mit. Denn mit gescheiterten Beziehungen kennen wir uns wohl alle aus.

Musikalisch breitet MARIANNENPLATZ eine gewaltige Stil-Palette aus: Gitarrenpop gibt die Richtung vor, mal rau, mal glasklar und mit deutlichen Rock-Anleihen. Hier ist ein Piano zu hören, dort ein geschmeidiges Orchester. Und auch vor dem großen Gefühl macht Pete Schulz nicht Halt – bei der Ballade „Jeder kriegt was er verdient“ darf man getrost ein Tränchen verdrücken. Da sieht man vor dem inneren Auge schon das weite Stadionrund, illuminiert von hunderttausend Feuerzeugen... Insgesamt klingt der Sound auf „Besser als“ reifer und zeitgemäßer als auf dem Debüt, die Songs euphorisieren durch mehr Drall, gehen unter die Haut, spielen mit den Emotionen. Einzig die melancholische Grundstimmung ist geblieben. „Ich decke das ganze Gefühlsspektrum ab“, sagt Pete. „Das Songwriting ist wie ein Überdruckventil für mich. Jeder, der mir was Böses will, weiß gar nicht, wie viel Stoff er mir damit für einen Song liefert.“ Die Realitäten in Berlin lauern an jeder Straßenecke, auch daran ist Pete gegenüber dem Debüt gewachsen. Hier singt einer über Dinge, die er selbst erlebt hat.

In der Tat, der Mann ist Vollblutmusiker. Und hat Revoluzzer-Potential. Schon zu DDR-Zeiten provozierte er mit seiner ersten Band die Staatsmacht. „Mein Ziel war damals: Lautstärke, Provokation, Widerstand.“ Die Apparatschicks reagierten mit Auftrittsverbot. Doch ehe die Stasi dem aufmüpfigen Widerständler die Leviten lesen konnte, fiel die Mauer. Pete fand sich im Westen in der linken Hausbesetzerszene wieder, fühlte sich aber weder in Ost noch West zugehörig, reiste umher, ließ sich nieder, brach wieder auf. Ein Leben als Nomade, getrieben von Sehnsucht, auf der Suche nach Glück. Einziger Begleiter auf den Reisen ist seine Gitarre – und die Songs, die dabei entstehen. „So richtig gefunden habe ich mich bis heute nicht“, sagt Pete. „Ich habe nie länger als vier Jahre an einem Ort gelebt, bin immer auf dem Sprung. Ich fühle mich als Getriebener, in der Musik wie im Leben.“

Zauber, Poesie, gute Arrangements, ansteckende Melodien, Chartpotential, inspirierende Texte – MARIANNENPLATZ im Jahr 2006 hat einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht und mit „Besser als“ endgültig das Zeug, den ganz großen Wurf zu landen. Was auch immer kommt, Pete Schulz übt sich in Gelassenheit. So lange nur die irrsinnigen Vergleiche ausbleiben! „Sind wir doch ein Volk, das bei jeder sich bietenden Gelegenheit Vergleiche zieht“, sagt Pete. MARIANNENPLATZ ist bereits in diversen Schubladen gelandet, die Band wurde stilistisch in der Nähe von Wir sind Helden, den Beatsteaks, Selig und den Einstürzenden Neubauten eingeordnet. Der Pop-Appeal der Helden, den ungestümen Charme der Beatsteaks – absolut vertretbar. Aber die Einstürzenden Neubauten? „Absurd“, sagt Pete. Und lacht.

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